Wenn der Notarzt zum Patient wird

Das Thema Arztgesundheit wird zunehmend wichtig, man sieht das daran, dass die Zahl der Publikationen auf diesem Gebiet stark ansteigt. Genauso wie um die Gesundheit des Patienten, muss sich halt auch um die Gesundheit der Ärzte gekümmert werden. Bei Ärzten spielen vor allem drei Erkrankungen eine große Rolle: Depressionen bzw. Burnout, Suchterkrankungen und psychische Beeinträchtigungen durch Paarkonflikte.

Notärzte spielen hier noch mal eine gesonderte Rolle, da sie durch ihre Arbeit stärker traumatisierenden Situationen ausgesetzt als andere Berufsgruppen. Dabei ist die Häufigkeit der Einsätze ein Risikofaktor für Traumatisierung. Ihr Aufgabenbereich ist geprägt durch Anspannung, ständige Alarmbereitschaft, hohe Anforderungsdruck und der Gefahr des Versagens. Insbesondere die Behandlung und Pflege von Menschen in vital bedrohtem Zustand sowie der Umgang mit dem Tod stellen eine große Belastung für Rettungsdienstpersonal dar.

Notärzte und Rettungsdienstpersonal haben ein erhöhtes Risiko, stressbedingte Erkrankungen wie dem Burnout-Syndrom zu entwickeln. Durch das Arbeiten in Stressbereichen werden Notärzte mit ihren eigenen Grenzen konfrontiert. Aufgrund den kurzen, dafür häufigen oder den zum Teil langfristig bestehenden Anforderungen haben sie somit ein erhöhtes Risiko für psychische und psychosomatische Belastungsreaktionen.

Ein Beispiel:

Ein alltäglicher Fall: Der Notarzt wird zu einem Mann, Anfang 50, gerufen, der einen Herzstillstand erlitten hatte. Kompetente Ersthelfer hatten bereits beatmet und Herz-Druck-Massage eingeletet. Der Rettungswagen kommt fast zeitgleich, trotz Reanimation und wiederholter Defibrillation bleibt die Behandlung nach ca. 30 Minuten erfolglos. Eine Traube Menschen stand herum, die Frau wurde von Bekannten festgehalten und schrie, sie wolle zu ihrem Mann. Mit jedem erfolglosen Versuch stieg der Stress für Notarzt und Rettungsassistenten: Soll die Reanimation weitergeführt werden? Hat die Beatmung ausgereicht, das Gehirn zu versorgen? Dazu die verzweifelte Ehefrau und die vielen Menschen.

Die geschilderte Situation gehört für Notärzte eher zur Routine. Herzinfarkte mit Stillstand sind häufig, nicht immer gelingt die Reanimation. Dennoch stellt sich die Frage: Werden solche Routineeinsätze so einfach „weggesteckt“ oder hat die hohe psychische Belastung doch Folgen?

Aus der Traumaforschung und Erfahrungen im Katastrophenmanagement weiß man inzwischen, dass auch die alltäglichen Geschehnisse im Rettungsdienst mit einer hohen psychisch-traumatischen Belastung einhergehen. In epidemiologischen Untersuchungen wurde festgestellt, dass Rettungskräfte, Polizisten und Feuerwehrleute ein erhöhtes Risiko aufweisen, nach stark belastenden Einsätzen traumabedingte Störungen zu entwickeln. Bei Untersuchungen in Zürich wurde festgestellt, dass etwa jede fünfte Einsatzkraft an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Weitere Untersuchungen zur Stressbelastung im Rettungsdienst kommt zu ähnlichen Ergebnissen.

Bei meiner Untersuchung 2006 in Oberhausen wurden Einsatzkräfte und Notarzte mit Hilfe des MBI (Maslach Burnout Inventory) untersucht. Dabei stellte sich heraus, das ein Drittel der Teilnehmer Burnoutsymptome aufwiesen.

Dass hinter den Kulissen viele Kollegen an “Burnout” leiden, die Scheidungsrate und Suchtquote bei Ärzten auffällig hoch ist und bei Umfragen die Mehrheit dauernde Unzufriedenheit mit dem Beruf äußert, sind die Schattenseiten dieses idealisierten Berufes

Für Notärzte ist es wichtig, mögliche Stressoren sowie die Symptome einer Belastungsstörung zu kennen und bei sich zu erkennen, um gegebenenfalls Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch die alltäglichen Einsätze hinterlassen in Ihrer Summe sowie auch einzeln, ihre emotionalen Spuren.

Dipl. Soz. Wiss. Mark Overhagen