Stressmanagement im Rettungsdienst
Routine bietet keinen Schutz
Es gilt als wissenschaftlich bewiesen das je länger die Einsatzkräfte ihren Beruf ausüben und je häufiger sie an belastenden Einsätzen teilnehmen, desto höher ist ihre Wahrscheinlichkeit an einer Postraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu erkranken. Darüber hinaus steigt mit dem Ausmaß und der Zahl von PTBS-Symptomen die Wahrscheinlichkeit an anderen klinisch relevanten Störungen zu erkranken.
Eine Analyse der wichtigsten Faktoren für Rettungsdienstmitarbeiter ergab drei Gruppen von Stressoren:
Ereignisstressoren
Diese sind können entweder als Besonderheit des Einsatzes beschrieben werden oder aber als persönliche Faktoren. Vor allem bei unerfahrenen Notärzten können auch Schuld- und Versagensgefühle, zum Beispiel bei nicht erfolgreicher Reanimation, die Belastung erhöhen. Sätze wie „Der Einsatz lief gut, wir haben alles richtig gemacht, aber der Patient hatte keine Chance“, zeigen die Problematik der Notsituation, aber auch das Bedürfnis nach Bewertung und Kompensation, auf das jedoch in der täglichen Notarzt-Routine nicht eingegangen wird.
Berufsstressoren
Ein typischer Berufsstressor im Notarztdienst ist die immer wieder neue Konfrontation mit belastenden Situationen. Einzelne Ereignisse werden als normal und zu bewältigen erlebt und kompensiert. Die Summe der anhaltenden Stressoren kann jedoch zur Dekompensation führen.
Organisationsstressoren
Dies sind Belastungen, die durch die Struktur der Rettungsdienstorganisation entstehen, Strukturen die notwenig sind, damit die Notfallarbeit möglichst reibungslos verlaufen kann. Belastende Berufserfahrungen können aus Notarztsicht häufig nicht angesprochen werden, da dadurch unter Umständen die fachliche Kompetenz in Frage gestellt wird. Dies könnte jedoch die Bewältigung der belastenden Situation erleichtern.
Schutzfaktoren
Neben den Stressoren gibt es Faktoren, die der Betroffene selbst den Belastungen entgegen setzen kann. Diese werden auch als Ressourcen bezeichnet.
Untersuchungen zeigen, dass ein ausgeprägter Kohärenzsinn – eine Art Grundvertrauen, das Leben als stimmig zu empfinden – als Ressource für die Bewältigung von belastenden Anforderungen wirken kann. Diese Personen mit einem hohen Kohärenzsinn bewältigen Arbeit eher aufgabenorientiert und sind mit ihrem Leben zufriedener.
Einen hohen Stellenwert nehmen auch körperliche Fitness, ein stabiles soziales Netzwerk und die realistische, aber positive Einschätzung der eigenen Kompetenzen ein. So konnte eine Längsschnittstudie bei Einsatzkräften zeigen, dass sich anhand der Selbstwirksamkeit zu Beginn der Berufstätigkeit das Risiko später eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, statistisch vorhersagen lässt.
Distanz wahren ist wichtig
Eine Säule der psychosozialen Akutbetreuung ist die psychologische Frühintervention. Hier gilt es in den ersten Stunden nach dem Ereignis im Sinne einer Ersten Hilfe für die Seele Hilfestellung zu geben. Die Betroffenen sind in solchen Situationen fernab ihrer bekannten Strukturen und brauchen vor allem Informationen und Orientierung. Dies soll durch die Mitarbeiter der Krisenintervention angeboten werden.
Daneben sollen die persönlichen Bewältigungsstrategien unterstützt werden. Durch den Einsatz eines Kriseninterventionsteams soll auf jeden Fall vermieden werden, dass es zu einer Psychiatrisierung von traumatischen Krisen kommt.
Dipl. Soz. Wiss. Mark Overhagen